Gebetswoche für die Einheit der Christen ist grad angesagt, und nicht nur in dieser Hinsicht ging es in den letzten (fast) zwei Monaten heftig auf und ab mit der Ökumene in unserem Studienjahr.
Für alle, denen der Begriff vll unbekannt ist: Ökumene bezeichnet die christliche Bewegung, die verschiedenen Kirchen und Konfessionen wieder näher zusammenzuführen will, um historische Trennungen zu überwinden.
Bevor ich aber anfange, muss ich noch einen Nachtrag machen: Zum Thema Gotik hatte ich ausgerechnet die einzige wirklich gotische Kirche von Rom vergessen: Santa Maria sopra Minerva. Doch dazu später.
Zunächst war ja erstmal Advent angesagt und verschiedene Feiern bei Erasmus-Leuten oder im Centro Melantone. Außerdem hatte ich überhaupt endlich erstmal wieder Internet zuhause, da ich sonst immer im Café hockte. Schließlich verabschiedeten sich die meisten Leutchen dann nach und nach in die Weihnachtsferien. Kurz zuvor hatten wir aber noch unsere letzte Ökumene-Kreis-Sitzung des Jahres 2013. Vielleicht erstmal etwas zu den katholischen Studentengruppen in diesem Zusammenhang. Und zwar gibt es zwei "Sorten" von katholischen Studenten hier: einmal die Leute vom Germanicum, die als Priesterkandidaten von ihren Diözesen hergeschickt wurden und für mehrere Jahre hier studieren, zum andern die "Freisemester", die aus eigener Entscheidung heraus, wie der Name sagt, für ein Semester hier studieren. Passend dazu haben wir zwei Ökumene-Veranstaltungen, einmal den Ökumene-Kreis mit den Germanicumsleuten und zum andern das Ökumene-Seminar mit den Freisemestern, unter Leitung von Monsignore Türk. Na jedenfalls ging es an dem Abend um so Einheitsmodelle, also wie man sich gesamtkirchliche Einheit vorstellen kann, und im Anschluss in lockerer Runde wurden noch Verschwörungstheorien besprochen, wofür Rom ja in jedem Falle unzählige Anlässe bietet. Dies betrifft zB die Weissagung eines gewissen Malachias, der also alle Namen der Päpste vorausgesagt hat (freilich in einigermaßen kryptischer Weise) und natürlich ist gemäß dieser Prophezeiung der amtierende Papst der letzte, dementsprechend steht das Weltende kurz bevor.
Mit der Weihnachtsfeier in der facoltà Valdese verabschiedeten sich dann die letzten in den Urlaub, während Pierre und ich hier in Rom blieben und unsere Besuche "betreuten". Dies war in meinem Fall die ganze Familie, also Eltern, Schwester, Bruder. Zusammen sind wir dann durch Rom und haben fantastische Restaurants ausprobiert, abends dann sind wir in die katholisch-deutsche Nationalkirche Santa Maria dell'anima, die neu angemalt wurde (innen) und deshalb sehr schön bunt und klar erstrahlt. Leider wurden die aus Deutschland angelieferten Tannenbäume offenbar beim Zwischenlager im Vatikan "entliehen", so dass man sich mit einer kleineren Variante abfinden musste.
Ansonsten erkundeten wir Trastevere, und besonders die Via Appia. Zwar mussten wir uns erst am Flughafen von Ciampino und einigen Autobahnkreuzen vorbeikämpfen, doch die Wanderung auf der Via Appia Antica hatte sich dann sehr gelohnt und wirkte wie zu Goethes Zeiten, mit Bäumchen und Schäfchen, Ruinen und Inschriften liegen halt einfach am Wegesrand rum (weil man eh zuviel davon hat) und so weiter - sehr romantisch. So kamen wir dann zu den Katakomben von San Sebastiano, und hatten da eine kurze Führung drin.
Am nächsten Tag gingen wir (ich zum zweiten Mal) nach Ostia Antica, und bei fantastischem Wetter schritten wir durch die Ruinenstadt, in der es viel zu entdecken gibt: Thermen, Diana-Heiligtümer, und vor allem: eine Stille, die man in Rom manchmal vermisst. Schließlich gingen wir am 28. dann in die Villa Borghese und dort erwartete uns der unverhoffte Höhepunkt der gemeinsamen Zeit: Die fantastischen Werke Berninis, mit einer unglaublichen Dynamik, allen voran "Apollo und Daphne" und "David". Die Körperdrehung, der Ausdruck der Gesichter, die eingefangene Bewegung sind wahrlich überwältigend. - Inzwischen waren meine Geschwister bereits zurückgeflogen und auch meine Eltern machten sich nun wieder auf den Weg in die Heimat.
Pierre hatte unterdessen Besuch von seinem Zwillingsbruder und seinem Cousin, und gemeinsam mit Adrian, der an der Deutschen Schule FSJ macht und auch schon wieder da war, und einigen anderen, feierten wir dann Silvester mit entsprechenden Trinkspielen (ähem) und einem Besuch beim Kolosseum, wo ein sehr schönes Feuerwerk abgebrannt wurde. Danach bin ich müde nach Hause getorkelt.
Das Neue Jahr hob sich dann ganz still an und ich genoss für einige Tage einfach die Ruhe, bevor die ersten Leute wieder eintrudelten. Unter anderem hatte sich nun endlich die Gelegenheit ergeben, Lukas in seinem Domizil zu besuchen, der ja als erster aus unserem "Heim" in der Via Aurelia ausgezogen war. So lerne ich auch immer wieder neue Ecken des urbanen Rom kennen, und auch den italienischen Fußball, ich glaub da haben AS Rom und Turin gespielt an dem Abend (bin kein Experte).
Zusammen mit Lukas und Pierre und seinen Leuten war ich dann noch ein drittes Mal in Ostia Antica und wieder war fantastisches Wetter, als ob der Ort etwas verzaubert ist - denn ansonsten regnet es im Dezember und auch jetzt im Januar ganz gern mal. Einen richtigen Winter kann man das aber als Deutscher nicht nennen, es ist wie ein langer Herbst, und das ist wirklich schön, vor allem wenn ich an den letzten Berliner Winter denke, der schon recht heftig kalt war.
Na jedenfalls ging dann alsbald auch wieder die Uni los, zumindest für einige Wochen, weil inzwischen sind ja schon die ganz kurzen Semesterferien angebrochen. Die Italiener machen dann lieber in den Sommermonaten Juni bis September die großen Ferien, weil es dann aus Hitzegründen nicht sinnvoll ist, zu studieren. :)
In diesen Tagen überraschte mich dann noch ein verspätetes Paket von meinen Schweizer Freunden, mit schönen Büchern, Schokolade und einem Hello-Kitty-Schokofondue-Set-für-eine-Person, das ich natürlich sofort ausprobieren musste. :) Falls ihr das lest, vielen Dank nochmal an euch, ihr Lieben!
Vorletztes Wochenende besuchte ich dann zwei Ausstellungen, einmal die Augustus-Ausstellung, die aus vielen Ländern Augustus-Büsten und -Zeugnisse etc. zusammengesammelt hatte, und zum andern die Ausstellung "Tesoro di Napoli", Schatz von Napoli, wo man unwahrscheinlich glitzernde Juwelen anschauen konnte, in die man sich regelrecht verliert, wenn man sie zu lang anstarrt. Auch den staatlichen Quirinalspalast besuchten wir noch gemeinsam am Sonntagmorgen.
In den folgenden Tagen fing ich dann langsam an, mein Referat im Ökumene-Seminar zu planen, zum Thema: Leuenberg, Meissen und Porvoo. Dabei handelt es sich um so ökumenische Bündnisse, die nach dem Ort ihrer Verabschiedung benannt wurden. Die Leuenberger Konkordie hat es erlaubt, dass Reformierte und Lutheraner sich Abendmahlsgemeinschaft gewähren und dadurch überhaupt erst eine gemeinsame "Evangelische" Identität geschaffen. Aber ich war erst die Woche drauf dran. Zwischendurch hatten wir noch eine Ökumene-Kreis und eine Ökumene-Seminar-Sitzung, die dann vielleicht ein bisschen viel "Ökumene" auf einmal waren: die altbekannte Abendmahlsfrage zwischen Katholiken und Protestanten wurde behandelt, und auch einiges zum katholischen Kirchenverständnis. Ehrlich gesagt habe ich durch derlei Diskussionen hier in Rom nochmal stärker als in Jerusalem sehr viele Gründe herausgefunden, warum ich evangelisch bin, und das auch gut so ist... aber wahrscheinlich geht es der anderen Seite genauso.
Am Wochenende hatten wir dann ein Blockseminar mit Hrn. Wallraff aus Basel, der uns wieder (außer seinem Buch zu Luthers Rom) einige spannende Führungen spendierte, insbesondere durch den Lateran und seine Geschichte als älteste öffentliche Kirche der Welt, die erwähnte Santa Maria sopra Minerva und die Kirche "Il Gesù". Auch zu letzterer noch eine Berichtigung, ich hatte mal irgendwann von der Kirche San Ignatio geschrieben und einem lustigen Bild, was man herunterfahren kann - dies befindet sich aber in Il Gesù, beides sind Ignatius-zentrierte Jesuitenkirchen und so habe ich es verwechselt. :) Jedenfalls findet dort jeden Abend eine "interessante" Show statt, die man eher in einem japanischen Vergnügungspark erwarten würde: es ist dunkel und einzelne Teile der Kirche werden angestrahlt, eine bedeutungsschwangere Stimme aus der Dose spricht in himmlischer Verzückung, bevor schließlich unter dem Gemälde eine über und über mit Juwelen besetzte Ignatius-Statue enthüllt wurde. In beiden Jesuitenkirchen finden sich übrigens zu Boden getretene Bücher der Reformatoren, die also durch das Werk des Hl. Ignatius in triumphalistischer Weise überwunden wurden. (Ignatius hatte den Jesuitenorden gegründet, der dann zur stärksten Kraft der sog. Gegenreformation wurde). Santa Maria sopra Minerva indes ist eine Dominikanerkirche und eine der wenigen mittelalterlichen Kirchen. Damals wurde hier nämlich nix gebaut, da Rom in der Zeit vll so groß wie Tübingen war, und nicht viel los. Also ein sehr erfreulich gotischer Ort, der ein bisschen den kunsthistorischen Nord-Süd-Gegensatz vergessen macht.
Am nächsten Tag schritten wir unter einem märchenhaften vollen Regenborgen in die Kirche Santa Maria del popolo, und danach in San Agostino. Die zwei Orte verbindet, dass sie beide jeweils einen Caravaggio (ein Maler) zu bieten haben und dass beide in Frage kommen für Luthers Domizil während seines Rom-Aufenthalts (vermutlich 1511). Am Abend fand die Woche einen Abschluss im ökumenischen Gottesdienst in der Christuskirche, der sehr schön war (auch wegen des Chors) und die Gebetswoche-für-die-Einheit-der-Christen eröffnete.
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mein anstehendes, bereits erwähntes, Referat vorzubereiten (bzw. mich davor zu drücken). Am Donnerstag schließlich war es dann soweit und ist glaub auch ganz gut gelaufen. Zur Feier des Tages war ich hinterher noch Bierchen trinken und begegnete auf dem Heimweg einer seltsamen Frau, die mir eine halbe Stunde von der Madonna von Medugorje (ein Wallfahrtsort in Bosnien) vorschwärmte - jedenfalls eine bereichernde Begegnung...!
Und damit mit Ökumene noch nicht genug, denn heute habe ich dank Hrn. Türk ne Spezialkarte für die Papstvesper in S Paolo fuori le mura und werde Francesco also endlich mal zu Gesicht bekommen! Ich bin sehr gespannt.
Euch allen noch ein Frohes Neues nachträglich und liebe Grüße,
Euer Jakob
PS Noch ein paar Bilder
Santa Maria sopra Minerva
Güldener Ignatius
Und der Regenbogen