Dienstag, 5. November 2013

Di San Martino a Torino

Diesmal habe ich von einigen Abenteuern quer durch Italien zu berichten.
Los gings am 26. Oktober mit Herrn Wallraff und den Leuten vom Germanicum. Herr Wallraff ist der eigentliche geistige Gründungsvater des Centro Melantone und auch heute noch im wissenschaftlichen Beirat tätig, eigentlich aber Professor in Basel, vor allem aber ein sehr kompetenter Reiseleiter und Erklärbär, dessen Ausführungen ich schon letztes Jahr im Sommerkurs lauschen durfte. Das Germanicum indes ist sozusagen das katholische Pendant zum Centro Melantone, nur sehr viel älter als letzteres, welches ja erst 2001 startete. Während des Jahres hier in Rom werden wir immer mal wieder etwas gemeinsam unternehmen oder diskutieren.
Diesmal gings also in einige Flecken nördlich von Rom entlang der antiken Via Cassia, die auch eine bedeutende Pilgerroute war, und darum auch der Weg der zwei bedeutendsten Gestalten der Reformationszeit: einerseits Martin Luther, der in dem Örtchen Roncilione Halt machte, und andererseits Ignatius von Loyola, dem Gründer der Jesuiten und Vorkämpfer der katholischen (Gegen-)Reform, der in dem römischen Vorort La Storta eine Vision hatte - zwei Pilger mit sehr unterschiedlicher Zukunft. Darüberhinaus sahen wir noch eine urische, in den Fels gehauene kleine Kirche in Sutri und vor allem das schöne, auf einem Hügel gelegene Dorf San Martino, wo gerade ein sog. Kastanienfest zugange war, dem ich ein Glas Kastanienhonig verdanke, das wirklich extrem köstlich ist. Ansonsten gabs dort aber eine Zisterzienserkirche und den Palast der einflussreichen Frau Pamphili zu sehen, die ob dieses Einflusses irgendwann aus Rom verbannt wurde. Am wunderschönen Lago di Vico vorbei ging es zur letzten Station, einer alten Pilgerkirche, die inzwischen auf Privatgelände steht, aber von uns besucht werden konnte, namens St. Eusebius, wo wir zum Abschluss eine Andacht hielten, bevor wir uns wieder auf den Weg zurück nach Rom machten.
Letzten Mittwoch war dann neben der ersten Sitzung für griechische Lektüre (also die direkte Übersetzungsrichtung Griechisch-Italienisch) am Marianum ein Festakt zum Anfang des neuen akademischen Jahres, wenn auch etwas verspätet. Dazu kam eigens ein Kardinal, der die Andacht hielt, und wie beim Symposium vor einigen Wochen gab es wieder einen kleinen musikalischen Auftritt, diesmal mit Geige und Harfe.
Dann am Donnerstag gings auf unsere erste größere Exkursion in die Waldensertäler. Dazu waren wir (neun plus Studienleiter) den ganzen Tag mit Bahn und Bus unterwegs, nur um dann buchstäblich eiskalt erwischt zu werden, denn wir befanden uns nördlich von Turin, halb in den Alpen, im Piemont, wo richtiger Herbst und entsprechende Temperaturen herrschten. (In Rom nach wie vor mild.) Zur Vorbereitung bekamen wir alle ein seltsames Buch namens "Geschichte der Waldenser" in die Hand gedrückt, dass etwas ideologisch eingefärbt erschien. Durch Zufall entdeckten wir (Pierre, Lukas, ich), dass der Autor im Nachbarort am selben Tag einen Vortrag hielt, und fuhren mit dem Taxi dahin. Der merkwürdige Schreiber des Buches erwies sich als ein lebhafter 83jähriger Herr, der mit viel Passione eine Ansprache für sein neuestes Werk hielt, und offenbar schon seit vielen Jahren eine kontroverse, aber wichtige intellektuelle Figur der Waldenser ist.
Am nächsten Tag schauten wir uns mit Führung eine Art Heimatmuseum an, und bekamen nochmal die Geschichte der Waldenser im Überblick erzählt, die durch viele Verfolgungen geprägt ist, und daher auch zuweilen eine gewisse kämpferische Tonart anschlägt, so im Versammlungssaal in Torre Pellice, wo in großen Lettern an der Wand beschworen wird, bis zum letzten Blutstropfen den Glauben zu verteidigen - aus dem Jahre 1939. Heutzutage dagegen haben die Waldenser viele stille Unterstützer außerhalb der eigentlichen Gemeinden, da sie sich stark für soziale Projekte engagieren, insbesondere den Einwanderern und sozial Schwachen gegenüber. - Dann ging es etwas die Berge hoch, wo wir eine Höhle und eine alte Schule besuchten, die etwa so groß wie mein Zimmer war. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wurden hier die Kinder in den Bergdörfern unterrichtet - und waren damit bildungstechnisch besser gestellt als viele andere in Italien.
Am Samstag verbrachten wir einen recht tristen Tag in Turin, wo wir uns die Kirche, wo das berühmte Grabtuch liegt, und einen Palazzo mit großer Waffenkammer anschauten, ansonsten quoll der Palast von eitlem Prunk nur so über. Immerhin war Turin auch für vier Jahre Hauptstadt von Italien, bevor Vittore Emmanuele II sie nach Rom verlegte. Sonntag Morgen gab es einen sehr schönen kleinen Gottesdienst in der alten Kirche von Torre Pellice, wo wir ein paar Einheimische sprechen konnten, und danach warteten wir unter leichtem Nieseln im herbstlichen Dorf auf den Bus zurück nach Rom. Nach der langen Fahrt waren dann auch alle froh, in ihre Betten zu fallen - für Pierre und mich die letzte Nacht in der Via Aurelia Antica.
Denn gestern sind wir also schließlich, unter viel Geschleppe von unserm Zeugs, umgezogen und haben uns eingerichtet, Pierre nahe Termini, ich hier oben nahe Piazza Bologna, mit meinem Vermieter Freddy, dem Jurastudenten Max (der noch für November bleibt), Vasco (dem Hund), und zwei Schildkröten, die ich nachts in die Badewanne retten musste, weil sie draußen auf der Terrasse ersoffen wären - es gab einen ziemlichen Regenschauer.
Joa, alles in allem werde ich mich jetzt erstmal hier einleben, und mich dann demnächst wieder melden. Addio!